Familie Lautensack. Ein Michaelistag im Mittelalter

Familie Lautensack vor der Michaeliskirche in Hildesheim ©Markus Lefrançois

21. Mai 2010 bis 27. Februar 2011

Die Sonderausstellung „Familie Lautensack. Ein Michaelistag im Mittelalter“ ist der stadtgeschichtliche Beitrag zum Jubiläumsjahr Michaelis 2010. Sie bietet zum einen grundlegende Informationen zur Entwicklung Hildesheims unter Bischof Bernward und seinen Nachfolgern und stellt zum anderen das Alltagsleben in einer mittelalterlichen Stadt anschaulich dar.

Die Protagonisten der Ausstellung sind der Schneidermeister Antonius Lautensack (36 Jahre), seine Frau Alheidis (30 Jahre) sowie deren Kinder Lukas (14 Jahre), Katharina (11 Jahre) und Bernward (4 Jahre). Auch die 17-jährige Dienstmagd Anna Pauer lebt im Haus der Lautensacks. Die Besucher begleiten diese fiktive Handwerkerfamilie durch den Michaelistag (Freitag, den 29. September) des Jahres 1480 – vom Aufstehen bis zum Schlafengehen.

Die Sonderausstellung ist bis 27. Februar 2011 im Stadtmuseum im Knochenhauer-Amtshaus am Marktplatz täglich (außer montags) von 10 bis 18 Uhr zu besichtigen. Wer das Mittelalter mit allen Sinnen erleben möchte, kann den Museumsbesuch mit einem dreigängigen Lautensack-Menü in der Gaststube im Knochenhauer-Amtshaus verbinden. Kombitickets für dieses Angebot, das sich auch gut für Gruppen eignet, gibt es bei der tourist-information Hildesheim (Tel. 05121-17980).

Aus dem Leben der Lautensacks: Antonius Lautensack

Der Schneidermeister Antonius Lautensack ©Markus Lefrançois

Ja, ja, heute ist der Michaelistag Anno Domini 1480. Draußen ist Jahrmarkt, und alle Welt will sich ins bunte Treiben stürzen. Händler aus Braunschweig, Lüneburg und Köln sind gekommen und stellen ihre Stände auf. Normalerweise dürfen nur die Hildesheimer Kaufleute hier ihre Ware anbieten, aber beim Michaelismarkt ist jeder zugelassen. Bevor der Pfennig ausgegeben wird, muss er jedoch erstmal verdient werden! In meiner Werkstatt wird heute also gearbeitet. Schließlich wollen die Leute noch rechtzeitig vor dem Winter neue Mäntel haben, und da zählt jeder Tag. Heinrich Wolters, der alte Wollenweber, ist schon gekommen, um Maß nehmen zu lassen. Der wird auch langsam dicker, da hilft es gar nichts, wenn er den Bauch einzieht. Meine Frau Alheidis notiert die Ziffern in ihrem Wachstafelbuch. Komm, Aleken, schreib auf: Die Rocklänge des Herrn beträgt anderthalb Ellen! Mein Geselle, der Hennig, muss heute ebenfalls arbeiten. Er hat ja auch so schon genug freie Tage. Nicht nur an den Sonntagen dürfen die Schneidergesellen die Schere aus der Hand legen, auch an den Montagen nach den großen Kirchenfesten machen sie Pause. Statt im Schneidersitz auf dem Werktisch zu hocken, marschieren sie zur Messe der Dominikaner in die Paulinerkirche und anschließend alle gemeinsam in die Badestube. Da geht es dann hoch her, und am nächsten Tag gucken sie verkatert aus der Wäsche.

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Aus dem Leben der Lautensacks: Alheidis Lautensack

Alheidis Lautensack ©Markus Lefrançois

War das ein Festschmaus! Heute, am Michaelistag, haben wir nur das Beste aufgetischt, und unseren Gästen, dem Schneidermeisterehepaar Packebusch aus Sarstedt, scheint es gemundet zu haben. So eben haben die beiden ihren langen Heimweg angetreten. Auch wir Lautensacks machen uns ausgehfertig. Wir wollen ins Badehaus vor dem Almstor. Das steht außerhalb der Stadtmauer, was kein Wunder ist, denn da geschehen abends manchmal schlüpfrige Dinge. Und Lasterhaftigkeit wollen wir innerhalb unserer Stadt nicht dulden. Schließlich könnte der allmächtige Gott unser Hildesheim dafür strafen! Damit wir ehrbaren Bürger auf ein warmes Bad nicht verzichten müssen, nutzen wir die Nachmittagsstunden, da geht es in der Badestube noch ruhig zu. Erst später kommen die Musiker, und die Würfelbecher kreisen.

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Aus dem Leben der Lautensacks: Lukas Lautensack

Der 14-jährige Lukas Lautensack ©Markus Lefrançois

Jucheissa, heute am 29. September 1480 beginnt er, der Jahrmarkt! Da kann ich die Würfel mal wieder richtig rollen lassen, und Gaukler soll es da geben, Feuerfresser sogar. Mein Meister, der Knochenhauer Gottfried Helmke, hat versprochen, dass wir etwas früher gehen können. Doch erst muss noch die Sau des alten Bäckers geschlachtet werden. Der will wohl wieder tüchtig auftischen an diesem Festtag. Außerdem ist dann noch alles sauber zu machen, dafür müssen immer wir Lehrlinge ran, während die Herren Gesellen schon die Becher kreisen lassen. So ist es halt, Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das hat mir schon mein Vater, der Schneidermeister Antonius Lautensack, eingebläut.

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Aus dem Leben der Lautensacks: Katharina Lautensack

Die 11-jährige Katharina Lautensack ©Markus Lefrançois

Huh, ist das ein eisiger Wind, der durch die Gassen Hildesheims bläst! So eben haben wir Lautensacks die geheizte Badestube verlassen und uns auf den Heimweg gemacht. Länger konnten wir leider nicht im Warmen bleiben. Es ist halb sechs abends und die Dämmerung setzt schon ein. Wir müssen uns beeilen! Nachts ist es vollkommen finster in den Straßen. Mann muss deshalb eine Laterne bei sich haben. Und wer weiß schon, ob einem irgendwelche Halunken begegnen, die sich den Schutz der Dunkelheit zunutze machen. Heute am hohen Festtag zu Ehren des Erzengels Michael sind noch ungewöhnlich viele Menschen in Hildesheim unterwegs. Jahrmarktbesucher eilen nach Hause, und einige Betrunkene schwanken durch die Gassen.

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Aus dem Leben der Lautensacks: Die Magd Anna Pauer

Anna Pauer, die Magd der Lautensacks ©Markus Lefrançois

Kochen, putzen, waschen und tausend andere Arbeiten erledigen – so sieht mein Alltag als Magd der Familie Lautensack aus. Ich heiße Anna Pauer, bin 17 Jahre alt und stamme aus einer Bauernfamilie in Borsum. Da meine Eltern mich und meine 11 Geschwister nicht mehr ernähren konnten, musste ich als Älteste vor drei Jahren das Haus verlassen. Verwandte in der Bischofsstadt Hildesheim empfahlen mich der Schneidermeisterfamilie Lautensack als Magd. Seitdem lebe und arbeite ich in deren Haus. Auch nach meiner Heirat mit einem Badergesellen bin ich bei den Lautensacks geblieben, während mein Mann weiterhin bei seinem Dienstherren wohnt. Einen eigenen Haushalt können wir uns leider nicht leisten. Das macht mich manchmal sehr traurig. Gern hätte ich eine eigene Familie. Mit 17 Jahren bin ich immer noch nicht Mutter!

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Aus dem Leben der Lautensacks: Bernward Lautensack

Der kleine Bernward Lautensack ©Markus Lefrançois

Nein, ich will noch nicht zu Bett gehen! Ich bin schon ein großer Junge, fast 5 Jahre alt, und kann ganz gewiss noch ein bisschen wach bleiben. Doch meine Mutter duldet keinen Widerspruch. Sie meint, nach einem so aufregenden Tag, wie dem heutigen Michaelistag, müsste ich todmüde ins Bett fallen. Aufregend… Ja, damit hat sie Recht! Heute war ein toller Tag! Jahrmarkt, Festessen, Badestube… Warum kann nicht immer Michaelistag sein? Sogar ein Geschenk habe ich bekommen. Unsere Gäste, die Packebuschs aus Sarstedt, brachten mir neues Spielzeug mit. Das musste ich sofort ausprobieren! Nach unserer Rückkehr aus der Badestube habe ich es mir vor dem warmen Herdfeuer in der Diele gemütlich gemacht. Verschiedene Tierfiguren liegen nun auf dem Boden ausgebreitet vor mir. Am besten gefällt mir der kleine Hund aus Ton. Damit könne ich morgen weiter spielen, sagt meine Mutter ungeduldig, und zieht mich am Ärmel. Unsere Magd Anna löscht das Herdfeuer. Hoffentlich setzt sie auch die Feuerstülpe über die Glut. Vor einigen Wochen hat sie dies vergessen und unser Kater, der gerne an der noch warmen Feuerstelle schläft, hat sich den Schwanz angesengt.

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Aus dem Leben der Lautensacks: Der Kater

Familie Lautensack beim Frühstück ©Markus Lefrançois

Das Michaelisfest am 29. September ist mit seinem großen Jahrmarkt für die Menschen im mittelalterlichen Hildesheim ein besonderes Ereignis – auch für die Familie des Schneidermeisters Antonius Lautensack. Nur der Kater der Lautensacks, ist von dem bunten Treiben wenig begeistert:

Heute ist was los in der Stadt! Was für ein Lärm in den Straßen! Überall laufen Menschen, Pferde und Ochsen mit Karren durcheinander. Fast wäre ich bei meinem morgendlichen Streifzug unter die Hufe eines scheuenden Pferdes gekommen. Deshalb ziehe ich mich lieber in vertraute Gefilde zurück. Mein Reich – das sind Haus und Hof der Schneiderfamilie Lautensack im Langen Hagen in Hildesheim. Kommt mit, ich führe euch herum!

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