Fidschi-Machens. Ein Hildesheimer in der Südsee

Fidschi-Machens Hildesheim

2. Oktober 2008 bis 3. Mai 2009

Parallel zur Sonderausstellung des Roemer- und Pelizaeus-Museums „Paradiese der Südsee – Mythos und Wirklichkeit“ (11. Oktober 2008 - 7. Juni 2009) zeigt das Stadtmuseum im Knochenhauer-Amtshaus die Schau „Fidschi-Machens – Ein Hildesheimer in der Südsee“.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Frage nach der Entstehung der bedeutenden Hildesheimer Südsee-Sammlung und nach den Verbindungen zwischen Hildesheim und der pazifischen Inselwelt. Ethnographische Objekte, historische Dokumente und Fotografien vermitteln dabei einen Eindruck vom kolonial geprägten Blick auf die fremden Inselgesellschaften und Kulturen, dem eine heutige Bewertung aus historisch-ethnologischer Sicht gegenübergestellt wird.

Mittelpunkt und zugleich roter Faden der Ausstellung sind Leben und Person des Hildesheimers Conrad Machens (1856-1930), der 1878 als junger Mann nach Australien auswanderte, sich dort eine wirtschaftliche Existenz aufbaute und schließlich in der damaligen britischen Kolonie Fidschi zum erfolgreichen Kaufmann aufstieg, was ihm den Namen „Fidschi-Machens“ eintrug. Die von Machens hinterlassenen Berichte, Fotografien und privaten Dokumente sprechen nicht nur vom Thema der Auswanderung, aus ihnen erschließt sich auch eine persönliche und detailreiche Sicht auf die Verhältnisse im kolonialen Fidschi des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Von Conrad Machens erworbene ethnographische Objekte, die heute einen bedeutenden Teil der Südsee-Sammlung des Roemer- und Pelizaeus-Museums ausmachen, vermitteln darüber hinaus einen Eindruck vom Leben einheimischer Inselbevölkerungen.

Die Ausstellung lenkt den Blick außerdem auf die von 1885 bis zum Ersten Weltkrieg andauernde deutsche Kolonialzeit, in der die meisten der heute in deutschen Museen erhaltenen Sammlungen aus Ozeanien erworben wurden. Kapitäne, Händler, Missionare und andere in den Kolonialgebieten reisende oder ansässige Personen brachten Objekte nach Deutschland, wo sie das Publikum über die fernen Inselwelten unterrichten und zur wissenschaftlichen Kenntnis beitragen sollten.

Rundgang

Fiji-Häupling Hildesheim Stadtmuseum

Die Sonderausstellung gliedert sich in vier Bereiche, die untereinander durch zahlreiche thematische Bezüge verbunden sind und keiner notwendigen Hierarchie unterliegen. Im ersten Raum nähert sich die Ausstellung mit einer Präsentation ausgewählter Objekte aus der Südsee-Sammlung des Roemer- und Pelizaeus-Museums ihrer zentralen Frage nach der Entwicklung der Hildesheimer Sammlung und den Aktivitäten Hildesheimer Bürger in der Südsee. Den Besucher erwartet dabei nicht nur eine anschauliche Darstellung traditioneller Bedeutungen und Verwendungszusammenhänge: In Anlehnung an einen sammlungs-biografischen Ansatz wird der Blick auch auf die jeweiligen Sammler gerichtet. Drei Sammler werden genannt, die in unterschiedlichen Regionen tätig waren und jeweils einen bedeutenden Teil zur Hildesheimer Sammlung beigetragen haben: Kapitän Niedermeyer und der Schiffsarzt Dr. Otto Bartels waren direkte Zeugen des deutschen Kolonialismus in Neuguinea und den Marshall-Inseln, während Conrad Machens ausgewandert ist und in der englischen Kolonie Fidschi durch Handel zu Reichtum gekommen ist.

Im Mittelpunkt des zweiten Raums steht eine Inszenierung mit Großfotos, die dem Besucher einen Eindruck der damaligen Verhältnisse gibt, mit denen die Auswanderer und Reisenden konfrontiert waren: zum einen die wirtschaftlich orientierte Kolonialgesellschaft, zum anderen die für europäische Augen exotischen Einheimischen. Transportkisten, teilweise offen und mit kolonialen Handelsprodukten wie Kokosnüssen oder Zucker gefüllt, ergänzen die Foto-Inszenierung.

Im dritten Raum tritt die Person Conrad Machens´ und damit der zeitgenössische und in seinen Aufzeichnungen auch sehr persönliche Blick auf die koloniale Situation in Fidschi und der Südsee in den Vordergrund. Einzelne ethnographische Objekte ergänzen die biografische Darstellung, wobei bestimmte, von Machens besonders anschaulich geschilderte Episoden besonders hervorgehoben werden können. Hier befindet sich auch eine Hörstation für Besucher, die das Tagebuch des Conrad Machens lebendig werden lässt.

Im vierten Raum schließlich wird die heutige Sicht auf die Kolonialisierung der Südsee präsentiert. Der Besucher erhält Informationen zu den deutschen Kolonien und zum Hintergrund der meist ökonomisch begründeten europäischen Aktivitäten. Zwei Objekte aus der Hildesheimer Südsee-Sammlung zeigen beispielhaft den kulturellen Wandel durch das Aufeinandertreffen der europäischen und einheimischen Kultur. Ritzzeichnungen, ausgeführt von Matrosen, machen einen tabua-Walzahn, ein traditionelles Wertobjekt aus Fidschi, zum europäischen Souvenir. Ein Kinderkleid aus Tapa, dem traditionellen polynesischen Rindenbaststoff, deutet mit seinem europäischen Schnittmuster auf die Übernahme europäischer Kleidungsvorschriften durch die einheimische Kultur hin. Abschließend werden die Folgen und das Fortwirken der Kolonialzeit sowie die gegenwärtige Situation auf den pazifischen Inseln vorgestellt.

Die CD zur Ausstellung

Fiji Fidschi Machens Hildesheim Knochenhauer-Amtshaus Stadtmuseum

Das Hörbuch zur Ausstellung lässt in Auszügen aus den Tagebüchern und Reiseaufzeichnungen von Conrad Machens wichtige Kapitel der Biographie wieder aufleben. Zugleich gibt es den Hörern aber auch die Möglichkeit, eine sehr persönliche Blickweise auf die historischen Ereignisse im Südpazifik bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges kennen zu lernen. Als Conrad Machens (1856 - 1930) im Jahre 1878 auswanderte, bedeutete dies für ihn den Aufbruch in eine unbekannte Welt und ungewisse Zukunft. Sein weiterer Lebensweg führte ihn nach Fiji, wo er in kurzer Zeit zu einem bedeutenden Kaufmann aufstieg. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwang Machens schließlich zur Rückkehr nach Hildesheim. Diese ungewöhnliche Lebensgeschichte, die von der Lust am Abenteuer, sozialem und wirtschaftlichem Fortkommen, aber auch von schweren persönlichen Verlusten erzählt, reflektiert darüber hinaus zentrale politische und soziale Entwicklungen des späten 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Preis: 9,90 €; Lauflänge ca. 60 min. Die CD ist erhältlich im Stadtmuseum im Knochenhauer-Amtshaus und im Luxor-Shop des Roemer- und Pelizaeus-Museums.

Aus dem Tagebuch des Abenteurers

Levuka ist zu dieser Zeit eine von den englischen und deutschen Kolonialherren geprägte Stadt mit Steinbauten, einem Theater, einer Konzerthalle und Badehäusern.

Im September 1881 erreicht Conrad Machens auf dem Segelschiff ‚Surprise‘ zum ersten Mal den Hafen von Levuka, Hauptstadt der damaligen britischen Kronkolonie Fiji. Seine ersten Eindrücke schildert Machens in seinem Tagebuch:  

Vom Schiff schon bot die Stadt einen hübschen und vorteilhafteren Anblick als Suva. Ein von dichter Vegetation bedeckter Hintergrund hob die schön gebauten Villen gar lieblich hervor, malerisch hier u. da von hohen Kokosnusspalmen umrahmt, lagen sie zu zweit auf den Hügeln. Ein buntes Treiben bot sich am Fusse der hohen schroffen Felsen. Es ist der Geschäftsteil der Stadt, der sich auf einer etwa 1 ½ Meilen langen Straße hinzieht, unmittelbar am Ufer des Meeres. Es sind hier die Warenhäuser der Kaufleute, sowie größere Hotels, mit der Vorderfront dem Wasser zugekehrt. Am südlichen Ende der Stadt, 10 Minuten von der Hauptwerft entfernt, ist die Residenz des Gouverneurs, dem ersten Minister des Staats. Anmutig gelegen, heben sich die, für ein tropisches Klima höchst praktisch angelegten Gebäude aus den schönen Gärten hervor. Zwei eingeborene bewaffnete Soldaten mit muskulösen Gliedern sind vor der Haupttür zur Wache postiert u. bieten einen imposanten Eindruck (...)

Conrad Machens ist in den ersten Jahren ein interessierter Beobachter und Dokumentar. Koloniale Vorstellungen in der Einschätzung der Umgebung und bei der Bewertung der Bevölkerung liegen im Zeitgeist und verlangen aus heutiger Sicht einen kritischen Kommentar. Dennoch sind seine Beobachtungen von unschätzbarem Wert und stellen ein einzigartiges Zeitzeugnis dar; zu den meisten seiner Unternehmungen nimmt er einen Fotoapparat mit.